VMT erneut Thema in der OTZ

Unter der Überschrift “Rechenmodelle” befaßte sich die Ostthüringer Zeitung in ihrer Ausgabe vom 22.10.2008 erneut mit dem Verbundtarif Mittelthüringen und unserer Kritik am Voll-Mobil-Ticket. Darin kommt VMT-Geschäftsführer Andreas Möller zu Wort und äußert sein Unverständnis über unsere Kritik am VMT-Tarif. Nachfolgend gehen wir im Detail auf seine Äußerungen ein.

Den vollständigen Artikel finden Sie hier (PDF)

Schade ist zunächst, daß Herr Möller bisher noch nicht das direkte Gespräch mit uns gesucht hat. Leider ist sein Bestreben hauptsächlich darauf gerichtet, unsere Kritik als irrelevante Einzelmeinung abzutun, statt – wie es jedes gute Dienstleistungsunternehmen tun würde – auf die Stimmen seiner Kunden zu hören und einzugehen. Beinahe bekommen wir den Eindruck, daß wir uns dafür schämen sollten, überhaupt Kritik zu üben und damit sein Lebenswerk “Verbundtarif” gefährden.

“Ein Nebeneinander von Verbund- und Haustarifen schließt sich aus”, sagt Möller und kritisiert das Anliegen der VMT-Kritiker. “Fahrgäste, die in der Nähe von Eisenbahnstationen wohnen und arbeiten, fordern einen eigenen Tarif, da sie Busse und Straßenbahnen nicht nutzen können oder wollen. Wer dies fordert, legt jedoch die Axt an die Wurzeln des Verkehrsverbundes.”

Es ist nicht unser Ziel, die Axt in Richtung Verbundtarif zu schwingen. Wir haben mehrfach zum Ausdruck gebracht, daß der Verbundtarif als solcher für uns kein Problem darstellt. Unsere Kritik richtet sich gegen eine Tarifgestaltung, die bestimmten Kundengruppen massive Benachteiligungen beschert hat. Wir verstehen nicht, warum eine an den Bedürfnissen der Reisenden orientierte Nachbesserung der Tarife den Verbund in Gefahr bringen sollte. (Siehe auch …)

Ein eigenständiger Eisenbahntarif erreiche nur noch die Zielgruppe der Gelegenheitsfahrer, für die Eisenbahnen günstig liegen. Potenzielle Fahrgäste, die auch auf Busse und Straßenbahnen angewiesen sind, würden auf Grund der tariflichen Ungleichbehandlung erst gar nicht auf den Nahverkehr umsteigen. “Tariflich getrennte und unabgestimmte Verkehrsangebote führen zur Schwächung des Gesamtsystems Nahverkehr”, sagt Möller.

Innerhalb des Verbundtarifs gibt es bereits jetzt eine tarifliche Abstufung und keineswegs eine Art Flatrate, die für alle Reisenden zu gleichen Konditionen zu haben ist. So zahlt ein Fahrgast auf der Strecke Jena-Erfurt selbstverständlich mehr als auf der Strecke Jena-Weimar. Niemand würde erwarten, daß die kürzere Fahrstrecke genau so teuer ist wie die längere. Warum sollte es dann nicht ebenfalls möglich sein, eine Tarifgruppe zu schaffen, die Nur-Bahnfahrern entgegenkommt und preislich am Haustarif der DB angelehnt ist? Wer den Bus nicht nutzt, sollte ihn auch nicht bezahlen müssen, so wie der Fahrgast auf der Strecke Jena-Weimar nicht die Fahrt nach Erfurt mitbezahlen muß.

“Wir arbeiten daran, den Verbund weiter zu verbessern”, sagt der Geschäftsführer. So soll es ab Anfang 2009 möglich sein, Einzelfahrkarten im voraus zu kaufen. Das scheitert bislang daran, dass es keine Entwerter an den Bahnhöfen gibt. Diese sollen in den nächsten Wochen montiert werden.

Das ist löblich und wird vielen Reisenden Schwierigkeiten ersparen, mit denen sie momentan zu kämpfen haben. Bleibt nur zu hoffen, daß der VMT daraus keine Marketingkampagne macht – das Erledigen längst fälliger Hausaufgaben sollte eher stillschweigend geschehen. Wir möchten auch darauf hinweisen, daß es sich bei den genannten Maßnahmen nicht um eine Verbesserung für die Reisenden handelt, sondern um eine Beseitigung der Verschlechterungen, die durch Einführung des Verbundtarifs erst entstanden sind!

Möller widerspricht, dass sich Bahnfahren seit Einführung des Verbundes im Jahr 2006 massiv verteuert hat. Als Beispiel wählt er die Einzelfahrt zwischen Erfurt und Jena, die 7,60 Euro vor der Einführung kostete, danach 7,50 Euro. “Im Verbund konnten nicht nur Eisenbahnen, sondern auch Busse und Straßenbahnen in den Start- und Zieltarifzonen genutzt und dabei noch zehn Cent gespart werden”, rechnet Möller vor.
Zwischenzeitlich seien die Preise gestiegen, wie bei anderen Verkehrsunternehmen auch.

In der Tat ist die Einzelfahrt von den Preiserhöhungen der letzten Jahre am wenigsten betroffen. Sich aber gerade dieses Beispiel herauszugreifen, um unserem Vorwurf zu stark gestiegener Preise zu begegnen, zeugt von wenig Feingefühl gegenüber den Betroffenen.

Ein Jahresabo der DB für die Strecke Oberweimar-Jena kostete vor Einführung des Voll-Mobil-Tickets im März 2006 68,20 € monatlich. Seit April 2008 sind 86,90 € fällig – ein Anstieg von 27% im Verlauf von 2 Jahren! Selbst wenn man die “normale” Preissteigerung der Bahn von jährlich etwa 4% aus der Rechnung nimmt, bleiben 19% Preiserhöhung übrig. Der Fahrgast hat diese Mehrkosten zu tragen, obwohl er die angepriesene Mehrleistung (zusätzliche Benutzung von Bus und Straßenbahn) nicht nutzen will oder kann. Angesichts dieser Rechnung kommt uns die Aussage

“Berufspendler profitieren in jedem Fall vom Verbundtarif”

wie reiner Hohn vor.

Auch das BahnCard-Problem greift Möller auf und rechnet vor:

Der Preis einer mit Bahncard 50 rabattierten Einzelfahrt von Erfurt nach Jena betrug bis zur Abschaffung zum 1. Januar 4,05 Euro. Bei 20 Arbeitstagen
- den Anschaffungspreis für die Bahncard eingerechnet - ergeben sich monatliche Kosten von 180,33 Euro.

Die Monatskarte Erfurt-Jena im Verbundtarif Mittelthüringen hingegen koste nur 170,50 Euro und ermögliche zusätzlich die Nahverkehrsnutzung in allen Tarifzonen. “Entscheidet sich der Fahrgast für ein Jahres-Abo, sinken die monatlichen Kosten sogar auf 142,10 Euro”, sagt Möller.

Herr Möller sollte wahrnehmen, daß es viele Reisende gibt, die zwar regelmäßig, aber nicht täglich Bahn fahren. Zumeist sind dies BahnCard-50-Inhaber, da sie sich mit ihren Reisegewohnheiten nicht in den typischen Dauerkarten-Angeboten wiederfinden und in der BahnCard 50 eine passende Alternative für ihren flexiblen Reisestil gefunden haben. Man kann diese Reisenden nicht mit einem Dauerkarten-Angebot zwangsbeglücken wollen und muß akzeptieren, daß ihr Reisestil nicht in einer solchen Vergleichsrechnung abzubilden ist. Wer z.B. im Durchschnitt 10x pro Monat auf der Strecke Erfurt-Jena unterwegs ist und sich Ende 2007 bewußt für die BahnCard 50 und ihre Flexibilität entschieden hat, erlebte im Januar 2008 eine böse Überraschung. Betrugen die Kosten für 10 Hin- und Rückfahrten im Dezember 2007 noch 79,00 €, waren im Januar 2009 plötzlich 126,00 € fällig. Wer mit Preiserhöhungen von 60% konfrontiert wird, hat ein Recht, Kritik zu üben!

Die deutlichsten Preiserhöhungen verschweigt Herr Möller aber geflissentlich: Für Familien hat sich das Bahnreisen im Verbundgebiet am stärksten verteuert (siehe auch …). Der Fahrgastverband Pro Bahn bezeichnete das in einer Pressemeldung zu Recht als Skandal. Der Verkehrsverbund Mittelthüringen muß sich, neben den Entscheidungsträgern in der Politik, deshalb den Vorwurf gefallen lassen, eine Familien und Kinder massiv benachteiligende Preispolitik zu machen.

Möller verweist darauf, dass in den meisten Verkehrsverbünden die Bahncard gar nicht anerkannt wird. Insofern sei der 25-Prozent-Rabatt bereits ein Entgegenkommen.

Wenn Herr Möller den Vergleich mit anderen Verkehrsverbünden sucht, sollte er nicht unerwähnt lassen, daß viele Verbünde günstiger sind und oft deutlich mehr Leistung bieten.

Schade, Herr Möller, Sie haben eine Chance vertan. Wir hoffen, daß Sie uns in Zukunft nicht mehr als Feinde betrachten, sondern als das sehen, was wir sind: Ihre Zielgruppe! Der Nahverkehr in Mittelthüringen wird maßgeblich von uns Bahnpendlern getragen. Es sollte deshalb Ihr Bemühen sein, uns Angebote zu unterbreiten, die den Namen “kundenfreundlich” verdient haben und uns einen Anreiz geben, weiterhin den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen.

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