Kein Platz

Als der Zug einrollte, wußte Joseph K., daß der Tag gut werden würde. Schon von weitem konnte man den Triebwagen erkennen, einen Triebwagen. Die Menge der Wartenden reichte aber für drei.
Joseph K. freute sich. Gleich würde er wieder Zeuge dieses erstaunlichen Wunders werden. Alle Gesetze der Physik mißachtend, strömte die amorphe Masse aus Beförderungsfällen in den viel zu klein dimensionierten Innenraum des rot lackierten DB-Regio-Wagens. Vom starken Interesse an sozialer Vernetzung getrieben, suchten die Menschen Körperkontakt und Verdichtung. Joseph K. gab sich dem Treiben, Stoßen, Schieben willenlos hin und fand sich schließlich auf einem der begehrten Plätze im Treppenaufgang zur Ersten Klasse wieder, ein Bein noch im Eingangsbereich Halt ertastend, das andere zwei Stufen höher in halblinker Drehung verharrend. Eine Dame mittleren Alters stammelte ein paar Entschuldigungen ob ihres spitzen, auf K.s rechte Wange sanften Druck ausübenden Ellbogens. Joseph K. kannte die Frau als Mitgenossin im jahrelangen Berufspendeln und freute sich über die Gelegenheit, sie auf diese Weise näher kennenlernen zu dürfen.
An jedem Unterwegsbahnhof erfuhr das Wunder der Verdichtung eine atemberaubende Steigerung: Obwohl nur jeweils ein bis zwei Fahrgäste den Zug verließen, fanden 20 weitere Pendler, mit nachdrücklichem Körpereinsatz um Aufnahme in die mittlerweile jegliche Differenzierung vermissende humane Masse ersuchend, Platz in dem warm-feuchten Raum. Während die Körperausdünstungen an den Innenseiten der Fensterscheiben ihren Niederschlag fanden und in kleinen Rinnsalen einen schönen Matrix-Effekt erzeugten, begann eine offensichtlich ungeübte Mitreisende, die knappe Luft rasch ventilierend, ein mattes Geschimpfe. Unhaltbare Zustände seien dies, man müsse sich beschweren, und dergleichen. Wo sie sich denn zu beschweren gedenke, entgegnete ein älterer Herr mit grünlicher Gesichtsfarbe, dem der Rucksack eines Studenten dergestalt in den Bauch drückte, daß er zu einer Fragezeichenkörperhaltung gezwungen war.
Den erstaunten Blick der empörten Frau wohl registrierend, hob Joseph K. an, sie über ihren Irrtum in Kenntnis zu setzen. “Selbstverständlich können Sie sich beschweren”, begann er mit ruhigen Worten. “Es gibt sogar eine entsprechende Telefonnummer. Aber Sie verkennen – was ich einer Gelegenheitsreisenden wie Ihnen gern nachsehe – die innere Struktur des Thüringer Nahverkehrs, welche man sich als einen großen Verantwortungsverschiebebahnhof vorstellen muß. In diesem fein ausbalancierten Gebilde nehmen verschiedene Institutionen eine Reihe wichtiger Aufgaben wahr, die so aufeinander abgestimmt sind, daß wir zwar dankbar die Auswirkungen ihres segensreichen Handelns registrieren können, aber niemals, und ich betone: niemals, auch nur den kleinsten Anhaltspunkt für eine konkret adressierbare Beschwerde finden werden.
Da ist zunächst das Land Thüringen, welches, in väterlicher Güte unseren Wunsch nach Nahverkehr vorausahnend, selbigen in ausreichender Kapazität bestellt und großzügig subventioniert. Sie werden mir zustimmen, daß wir hier keinen Ansatz für eine berechtigte Klage finden können. Entlastend für das Verkehrsministerium kommt hinzu, daß die dort zu unserem Wohl tätigen Beamten ohnehin nur auf der Ebene von unbestechlichen Planzahlen operieren und das eigentliche Geschäft der Nahverkehrs-Organisation an eine andere Institution delegiert haben.
Ich spreche von der Nahverkehrsservicegesellschaft Thüringen mbH (NVS), die aus nackten Zahlen einen echten Schienennahverkehr entstehen läßt. Zu ihren Aufgaben zählen die Erstellung eines landesweiten SPNV-Konzeptes, die Planung und Bestellung des Verkehrsangebotes, die Abstimmung mit den Gebietskörperschaften, die Vorbereitung und Begleitung von Vergabeverfahren sowie die fachliche Vorbereitung und Planung von Investitionen im SPNV und Koordination mit Vorhaben im straßengebundenen Personennahverkehr.” Joseph K. stockte einen Moment, da er bemerkte, wie die Beschwerdefrau zu einem “ja, aber” Luft holte, was ihn veranlaßte, mehr Nachdruck in seine Stimme zu legen: “Angesichts dieser Fülle an demütig und loyal wahrgenommenen Aufgaben sollten auch Sie etwas Demut üben und den Gedanken an eine Beschwerde gegenüber der NVS als unangebracht verwerfen.
Den erfreulichen Umstand, daß auch tatsächlich Züge rollen, verdanken wir der Deutschen Bahn und ihrer Tochtergesellschaft DB Regio AG. Als Auftragnehmerin stellt sie die modernen Triebwagen in der geforderten Anzahl bereit und sorgt mit ihrem freundlichem Lok- und Zugpersonal für einen reibungslosen Fahrbetrieb, den wir, das werden Sie mir bestätigen müssen, oft mit allzu großer Gleichgültigkeit (bezüglich mancher Fahrgäste könnte man mit einiger Berechtigung auch von Undankbarkeit sprechen) in Anspruch nehmen. Ich will nicht verschweigen, daß das rollende Gerät, den Wartungsintervallen gehorchend, hin und wieder einer Inspektion unterworfen werden muß und selbstverständlich während dieses Zeitraums nicht für den fahrplangerechten Einsatz zur Verfügung steht. Aber dies geschieht ja zu unser aller Sicherheit. Und so muß auch hier jeder Versuch eines Vorwurfs ins Leere laufen.” Zwei Fahrgäste im Mittelgang, von denen sich der eine seit dem Zwischenhalt in Mellingen mit großem Druck gegen eine Haltestange gepreßt sah und der andere (der wahrscheinlich versäumt hatte, ein ausreichendes Frühstück zu sich zu nehmen) von mehreren schwergewichtigen Mitreisenden in die Zange genommen wurde, zeigten Anzeichen einer Ohnmacht. Aus Erfahrung wußten die anderen Fahrgäste jedoch, daß dieser Umstand weniger gefährlich war, als es ungeschulten Beobachtern erscheinen mochte. Denn das für gewöhnlich einer Ohnmacht folgende Umkippen war ja glücklicherweise nicht möglich.
“Schließlich”, setzte Joseph K., der wieder zum ruhigen Anfangston zurückgefunden hatte, seine Erläuterungen fort, “möchte ich Ihr Augenmerk auf den Verkehrsverbund Mittelthüringen (VMT) als vierten Protagonisten lenken. Ohne Übertreibung kann man sagen, daß die Qualität des Bahnfahrens durch das segensreiche Wirken dieser Institution neue und bisher ungekannte Höhen erreicht hat. Statt sich in zersetzender und unkonstruktiver Kritik zu ergehen, sollten Sie bedenken, welche Möglichkeiten Ihnen der Verkehrsverbund, der übrigens für die Preisfindung und Tarifgestaltung Ihrer Bahnfahrt zuständig ist, eröffnet: Mehreren beherzt durchgesetzten Preissteigerungen und dem unermüdlichen Wirken des VMT-Geschäftsführers ist es zu verdanken, daß das früher unumgängliche und als überaus mißlich in unserer Erinnerung haftende Anstehen für unterschiedliche Tickets bei mehreren Verkehrsunternehmen nun endlich der Vergangenheit angehört. Von der Straßenbahn in den RegionalExpress, dann in den Bus oder vielleicht noch eine Station mit der Straßenbahn - das VMT-Ticket gilt weiter!
Nicht nur kann ich keinerlei Anhalt für Klage gegenüber dem VMT entdecken, vielmehr scheint mir ein gewisses Maß täglicher Lobpreisung durchaus angebracht. Ich möchte Ihnen abschließend aus eigener Erfahrung versichern: Mit dem richtigen Blick auf das theoretisch Mögliche ist es leicht, eine relativierte Einstellung gegenüber den Niederungen des praktischen Bahnbetriebs zu gewinnen. Auch Sie werden, da bin ich mir ganz sicher, zu der entspannt-dankbaren Fahrgasthaltung finden, die einzig angemessen ist.”
Joseph K. schloß, die Wirkung seiner Rede im Nachhall der Worte prüfend, seine Augen und genoß das zustimmende Gemurmel der umstehenden Fahrgäste. Noch viereinhalb Minuten Fahrt lagen vor ihm. Der Zug nahm seinen Weg durch die engen Kurven nach Jena hinab und schenkte ihm das intensive Erlebnis der durch dutzende Leiber vermittelten ungestümen Fliehkräfte. Ein Gefühl von Vorfreude erfaßte Joseph K. beim Gedanken an die nachmittägliche Heimfahrt.
« Fahrgastproteste zwingen VMT zum Einlenken
8. November 2011, 16:28 Uhr
Kurze Ergänzung von einem Weimar-Jena-Pendler:
Es ist wirklich unglaublich, was wir uns derzeit auf der MDV bieten lassen müssen. Letzte Woche kam für die zahlreichen Fahrgäste die RB 16203 (Weimar ab 7.21 Uhr, Richtung Jena) mindestens zweimal mit nur einem Zugteil.
Nach dem ersten Tag war der Lerneffekt bei den Studenten bereits derart groß, dass am zweiten Tag bereits etwas weniger Fahrgäste mit dem Zug fuhren. Trotzdem noch Verhältnisse wie bei einem südamerikanischen Viehtransport.
Auf dem Rückweg, 18.16 Uhr ab Jena-West, habe ich letzte Woche erstmals erlebt, dass ein Fahrrad im Eingang hochkant genommen werden musste und sich die Leute zwischen den Rahmen quetschten. Tuchfühlung nicht nur mit dem Fahhrad, sondern auch mit den anderen Fahrgästen.
Wie voll sollen die Züge eigentlich noch gepackt werden? Könnte man evtl. Dachgepäckträger anbringen oder Fahrradanhänger?
Ich bin übrigens dafür, Fahrräder mitnehmen zu dürfen. Das erleichtert für einige die Pendelei erheblich. Aber wenn dann nur ein Zugteil geschickt wird, kann ich mir vorstellen, dass nach und nach eine Anti-Fahrrad-Stimmung entsteht. Diese könnte schlimmstenfalls dazu führen, dass die Mitnahme von Fahrrädern -wie z.B. in der Hamburger S-Bahn bereits der Fall- zu den Hauptverkehrszeiten verboten oder zumindest kostenpflichtig wird. Das sollte unbedingt vermieden werden.
Was können wir also noch tun? Die Bürgermeister und Landräte der ImPuls-Region mit abschreckenden Meldungen aus dem Zug bombardieren?
Mich würde mal interessieren, wie groß die Abwanderung bereits ist bzw. wieviele Leute zusätzlich Bahn fahren würden, wenn die Bedingungen vernünftiger wären. Durch die Flatrate für Studierende haben die Verantwortlichen wahrscheinlich wenig Interesse daran, mehr Studenten in die Bahn zu locken.
Aufgrund des knappen Wohnraumes in Jena und Weimar gibt es ja mittlerweile größer angelegte Kampagnen, Studenten z.B. nach Gera zu locken. Daraus resultiert eine Zwei-Klassen-Studentenschaft: Studentenparadies Jena inkl. Abendprogramm und Vernetzung für die einen, billige Wohnung in Gera für die anderen.
Prinzipiell finde ich die Idee, Nachbarstädte mit einzubeziehen, nicht völlig abwegig. Dann sollten aber zumindest die Hauptschlagader pulsieren, die Nebenäste besser frequentiert werden und auch entsprechend vertaktet sein.